Mannheimtour Karnevalssonntag/Rosenmontag 2007

(Bilder für größere Ansicht anklicken)

Aufbruch im Morgenrot. k01siebengeb1.jpgAm Treffpunkt an der Südbrücke steht das Siebengebirge noch frostig-dunkel vor dem flammenden Himmel. Im Vordergrund mein mit XL-Satteltasche und Lenkertasche aufgerüstetes Rennrad. Immerhin müssen etwas Reservewäsche für die Übernachtung und die Rückfahrt, Essen, Werkzeug und ein paar Kleinigkeiten mit. Der Tag verspricht schön zu werden, mal sehen, wie wir ihn erleben.
Jörg kommt bald, ein paar km fahren wir gleich weiter, bis ich ihn zum Anhalten fürs erste Foto bitte. k02joergsteht.jpgEr tut mir den Gefallen, obwohl er es als Quatsch empfindet, der Radreiseroutinier macht die Fotos doch während der Fahrt! -> OK, probiere ich, geht doch!k03joergfaehrt.jpg
Die ersten 50 km laufen gut, erst macht Jörg ordentlich Tempo und ich hänge mich hinten rein, bin aber auch schließlich eingefahren und wir wechseln uns in der Führungsarbeit ab, drücken sogar das Tempo höher. Mehlem, Remagen, kein Verkehr - wir bleiben ganz frech auf der Schnellstraße, Andernach, und plötzlich finden wir uns im Neuwieder Becken im Nebel wieder. Immerhin ist es so gut wie windstill. Der nie benutzte Kühlturm Mülheim-Kärlich verliert nebelverhüllt seinen bedrohlichen Eindruck. Temperatur ca. 0°, Reif am Boden.
Den idealen Weg nach Koblenz finden wir wieder einmal nicht. Für Autofahrer ist alles bestens gerichtet und ausgeschildert, auch für eher gemütliche Radtouren gibt es einen schönen Weg unten am Rhein, aber wir wollen "Strecke machen", dürfen nie den Schildern Richtung Koblenz folgen, die B 9 ist dann gesperrt für Radfahrer, wollen aber auch nicht den Rheinbogen-Umweg ausfahren und über Wege von teilweise mäßiger Qualität holpern. Wohl aber finden wir das richtige Cafe zur rechten Zeit: Ein knappes Drittel ist geschafft, keinerlei wirkliche Probleme, wir lassen es uns gut gehen, um gut gelaunt nach der Pause weiter zu fahren.
Der Nebel hat sich gelichtet, letzte Reste hängen an den Randhöhen des Rheintals. Die Sonne scheint und ein leichter Gegenwind kommt auf, aber darüber zu klagen wäre Jammern auf hohem Niveau, es wird wärmer und es ist herrlich.
Nach einem Stopp in einem Cafe in Bingen bei knapp 2/3 bzw. 130 km der Strecke geht es bald den ersten Hügel hinauf. Wir sind im Anstieg auf das rheinhessische Hügelland. Es ist zwar sonnig, was man vor allem in den südexponierten Weinbergen merkt, aber leider etwas diesig, wir hätten gern noch eine bessere Aussicht auf den Rheingau gehabt. Die Eckdaten einer Rennradtour sind seit dem Siegeszug dieser kleinen elektronischen Tachos die zurückgelegten Kilometer und die dabei erzielte Durchschnittsgeschwindigkeit. Unser "Schnitt" stimmt, aber das ist nicht alleine der Grund für unsere gute Stimmung - der Tag hatte versprochen gut zu werden, und er wurde es. Wir sind in bestem Einvernehmen durch die schöne Landschaft geradelt, haben uns auf unsere Ausrüstung und unsere Fähigkeiten verlassen und das Leben genießen können, und den letzten Abschnitt werden wir auch noch bewältigen.
Obwohl in Wörrstadt dann doch der Ruf "Panne!" Jörg zum Halten zwingt. Ein Platter, ich fahre Schlauchreifen, ein Spleen, und der Ersatzreifen hat auch ein Löchlein, der zweite Reifen wird dann in Worms aufgezogen, hält dann aber. Solange es nicht mehr ist! Noch ein kleiner Umweg wegen eines Karnevalszugs, dann durchqueren wir Worms, es ist optimal für Radler ausgeschildert, bald erreichen wir den Rhein und betrachten uns als Schattenspiele am Rheindamm. Dann die Autobahnbrücke nördlich von Mannheim. In der tief stehenden Abendsonne unterhalten wir uns noch mit einem anderen Radfahrer, er spricht feinsten Mannemer Dialekt und fährt ein Karbon-Mountainbike der ersten Generation, das verbindet.
Mannheim erreichen wir auf einem Weg den "Altroi" (Altrhein) entlang. Der Blick wird gefesselt von dampfenden Industriewerken. Noch einmal nach dem Weg fragen, und schon können wir wie geplant noch vor Sonnenuntergang in der Studentenwohnung meiner Tochter eintreten.
Plaudern, duschen, ein Stadtspaziergang und dann schlafen wir tief und fest auf dem improvisierten Lager auf dem Küchenboden.
Am Rosenmontagmorgen gibt es ein gutes Frühstück, unsere beiden Studenten sind uns zu Ehren auch mal früh aufgestanden, und dann trennen sich gegen 8:00 Uhr unsere Wege: Jörg fährt weiter nach Stuttgart, ich zurück nach Bonn, den Abwasch lassen wir stehen :-) .
Der Rückweg ist unspektakulär. Das Wetter ist diesig, die Sonne bleibt hinter den Wolken, morgens ist es nicht frostig, vielleicht 5°, aber es wird den Tag über auch nicht wesentlich wärmer. Worms gefällt mir bis auf die Gewerbegebiete am nördlichen Stadtrand wieder gut. Es gibt kaum Verkehr, es ist ruhig, auf den leeren Straßen im Hügelland komme ich geradezu in Trance und spüre keine Veranlassung zu einem Stopp. Alzey, Wörrstadt, Bingen, ich kann ja an der Loreley mal Pause machen. Aber dort angekommen parken gerade zwei Reisebusse. Der Kiosk ist geschlossen, das Restaurant zu voll, und ich habe immer noch viel Verpflegung (Mettwürstchen, Pellkartoffeln, Wasser mit reichlich Energo) dabei, ich fahre einfach weiter, ehe mir kalt wird.
Von Salzig bis Koblenz läuft es richtig gut, ich lege so ein Tempo vor, dass zwei Mal Rennradler in meinem Windschatten sich Zehner von km mitziehen lassen aber keine Sekunde selber nach vorne in den Wind gehen. Eine merkwürdig unkommunikative Situation, aber auch ich mache keine Anstalten daran etwas zu ändern.
Hinter Koblenz wieder einige km zick-zack-Fahrt, mal steht der Kühlturm bei Mülheim-Kärlich links vorne hinter den Feldern, dann wieder rechts vorne, irgendwann bin ich doch wieder auf Kurs, mittlerweile aber schon müder. Ich tauche in immer bekanntere Gegenden ein, bis hinter Remagen plötzlich schon das Siebengebirge zu sehen ist. Den letzten Schluck aus der Trinkflasche geleert, Mehlem, Godesberg, die Brücke, zu Hause, puh! 438 km, 27ger Schnitt, ein Kilo abgenommen.
Und ich brauche ein paar Tage, um wieder ein normales Körpergefühl zu bekommen. Nichts dramatisches, leichte Verspannungen, ganz leichter Muskelkater, etwas angegriffenes Sitzfleisch, der Biss ist erstmal weg. Ich habe viel Appetit und bin um ein Erlebnis reicher, das ich nur zur Nachahmung empfehlen kann. Tu es wenn es passt, carpe diem!

...Und Jörg plant schon die Tour Bonn-Stuttgart non-stop...