Inhalt

Einleitung

Zu manchen Urlauben kommt man wie die Jungfrau zum Kinde. Oder eher: Wie man halt zu etwas kommt, wenn man seine vorlaute Klappe nicht hat halten können.

Im vorliegende Fall wollte ich einem meiner besten Freunde nicht glauben, dass er den Plan, seine damalige Lebensgefährtin tatsächlich zu ehelichen, in die Tat umsetzen würde. Den Guten hatte ich noch aus Studentenzeiten als Menschen kennengelernt, der lange, sehr lange mit einer Entscheidung schwanger geht, um sich dann möglicherweise ganz anders zu entscheiden.

So nahm ich auch den Plan der Eheschließung zunächst nicht hinreichend erst und äußerte den Satz "Wenn Du deine Freundin wirklich heiratest, dann komm ich mit dem Fahrrad von Bonn nach Traunstein!". Traunstein ist eine Kleinstadt am Alpenrand, noch ein wenig südlich vom Chiemsee, oder anders gesagt: weit, weit weg. Ich hätte es besser wissen müssen. Denn wenn Stephan sich einmal etwas wirklich in den Kopf gesetzt hat, ist seine Entscheidung unumstößlich.

Als mir nun eines schönen Tages die Einladung zur Hochzeit in den Briefkasten geflattert kam, und ich zudem noch telefonisch zum Trauzeugen befördert wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als meinem Geschwätz Taten folgen zu lassen. Der Urlaubsantrag von zwei Wochen wurde von meinem Chef - ich mag mittlerweile fast sagen "glücklicher Weise" - auf eine gekürzt . Der Autoroutenplaner vermeldete für die Strecke Bonn-Beuel - Wimpasing (bei Traunstein) eine Distanz von 613km für die kürzeste Stecke. Eingedenk meiner Kondition und der effektiven Fahrtzeit von sechs Tagen, dem Wunsch, irgendwie auch "Urlaub" zu machen und kein Radrennen zu veranstalten, suchte ich mir einen Startpunkt auf etwa halber Strecke: Würzburg, gut von Bonn mit der Bahn erreichbar

Die Planung sah zunächst folgende Etappen vor:

  • Würzburg - Neustadt an der Aisch: 60km
  • Neustadt an der Aisch - Hilpoltstein: 70km
  • Hilpoltstein - Ingolstadt: 60km
  • Ingolstadt - München: 77,5km
  • München - Wasserburg am Inn: 56km
  • Wasserburg - Wimpasing: 45km

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Alles in allem las sich das wenig erschreckend...

Was man(n) meint zu brauchen

Man(n) sagt Frauen nach, sie würden allerhand unnützen Plunder mit in den Urlaub schleppen, ein Mann käme aber mit einem Satz Wechselwäsche, einer Badehose und seinem Portemonnaie aus. Wer auch immer das sagt, er hat noch keinen Urlaub mit mir verbracht.

Der erste Gedanke, nachdem die Planung leidlich stand, galt der Aufrüstung meines Equipments. Ans alte MTB musste ein Nabendynamo, ein Low-Rider für die Vorderradgabel (die Federgabel hatte ich schon vor längerer Zeit durch eine Starrgabel ersetzen lassen, leider ohne Aufnahme für einen Lowrider... die Befestigung war dementsprechend fummelig - ich hab sie lieber die Jungs aus dem Laden machen lassen, als mir selbst die Finger zu brechen), ein kompletter Satz Ortlieb Fahrradtaschen (eine für den Lenker, zwei für hinten, zwei für vorne, eine Gepäckrolle für oben auf dem Gepäckträger), außerdem wurde der Besenstiellenker durch einen Brezellenker (auch bekannt als Multipositionslenker) ausgetauscht. Kurz trug ich mich mit dem Gedanken, Zelt und Schlafsack mitzunehmen. Da aber beides ebenfalls noch hätte gekauft werden müssen, war schnell entschieden, dass ich in Pensionen übernachten würde. Ein weiser Gedanke, wie sich bald zeigen sollte.

Die Packtaschen lud ich mir statt dessen mit reichlich Lebensmitteln voll, da ja nicht davon auszugehen war, dass es in Bayern Supermärkte gab. Diaspora aller Orten. Ehrlich... was ich mir dabei gedacht habe, ist mir immer noch schleierhaft; die Großpackung Müsli spendete ich zum Beispiel letztendlich unberührt einem Münchner Backpacker-Hostel. Auch klamottenmäßig legte ich eher ein paar Schaufeln mehr auf: 4 Sätze Wechselwäsche, Kleidung für jedes Wetter (Regen, Hitze, Kälte, nur für Schneefall hatte ich nichts passendes an Bord). Sagt einem ja keiner, dass Bayern hügelig ist, und man den ganzen Mist auch die Berge hochschleppen muss.

Als Marschverpflegung buk ich mir eine große Menge (zwei Bleche) Flapjacks. Das sind, wenn man es genau nimmt, gebackene Schnitten aus Haferflocken, Fett und Zucker. Energieriegel selbst gemacht, allerdings nix für Ernährungsbewußte. Meine wurden noch ein wenig mit Pecanüssen verfeinert und anschließend mit Bitterkuvertüre überzogen. Lecker. Aber auch dies sei vorangeschickt: Nach einer Woche wünscht man den Bananen-Nuss-Schoko-Haferflockenpamp zum Teufel.

Die Taschen waren gepackt, der Anzug und die feinen Schuhe für die Hochzeit vorausgeschickt. Freudig kaufte ich mir mein Bahnticket für den Regionalzug von Bonn über Frankfurt nach Würzburg. Es konnte losgehen.

1. Etappe: Bonn - Würzburg - Neustadt an der Aisch

Frühmorgens beim ersten Sonnenlicht belud ich mein Fahrrad und brach auf zum Bahnhof. Ich hatte bis dato noch keine Tour mit derart viel Gepäck gemacht (andere Leute fahren mit weniger 1x um den Erdball...), und so erwies sich vor allem das Lenken - dank der Lowrider-Taschen - als echte Herausforderung. Aus engen Kurven wurden weite Bögen, und Bremsen hieß plötzlich nicht mehr "Antippen" sondern "Zugreifen". Bereits etwas derangiert kam ich am Bonner Bahnhof an, fand mein Gleis und bestieg den Zug. Das Umsteigen war erwartungsgemäß ein wenig mühsam, doch schlußendlich kam ich gegen Mittag bei strahlendem Sonnenschein in Würzburg an. Dort zückte ich das Navigationssystem - eines das sich rühmte, neben der Autonavigation auch die von Fahrrädern zu beherrschen, gab als Ziel "Neustadt an der Aisch" ein und fuhr los.

10 Minuten später stand ich vor einem Schild "Autostraße", das mir klar und unzweideutig die Weiterfahrt untersagte. Meine Karte von Radweit hatte mir von vornherein eine Route am Main entlang vorgeschlagen, mir aber erschien die Wegführung nach Karte zu mühsam. So leicht kann man irren. Das Navigationssystem verschwand also in den Tiefen der Lenkertasche, und mit Karte und einigen Nachfragen bei mehr oder minder kundigen Einheimischen wurde mir schlußendlich ein Weg zum Main gewiesen. Zwischen diesem und mir lag nun dummer Weise ein Berg, nein: Ein Hügel, der mir wie ein Berg erschien. Ich stieg sogar kurz vom Rad, um zu kontrollieren, ob meine Bremse schleifte, aber was mich da so eifrig bremste, war kein schleifender Gummi, sondern ein überladener Gepäckträger.

"Travel light" - dieser Satz sollte mir noch einige Male durch den Kopf gehen.

Durch's schöne Maintal fuhr ich bis Marktbreit, wo ich den Main verließ und mich über Land nach Neustadt an der Aisch begab. Die Landschaft war unspektakulär und die Route - da ich wiederum zwischenzeitlich die Karten bei Seite legte und mich aufs Navi verließ - von Landstraßen gekennzeichnet. Darf ich an dieser Stelle schon meinen "lessons learned" vorgreifen, darf ich? Ja? Prima: Lasst das Auto-Navi zu Hause, wenn ihr Fahrrad fahrt. Zur Ortsbestimmung mögen die Dinger derzeit geeignet sein, aber so lange kein Hersteller eine Karte einbaut, auf der Wegstrecken eindeutig als für Radfahrer geeignet oder ungeeignet gekennzeichnet sind, ist ein vernünftiges Routing nicht möglich. Was interessiert einen Autofahrer auch ein Radweg über Feld und Wiese, wenn die Schnellstraße ihn viel komfortabler ans Ziel bringt? Der Radfahrer möchte aber nicht ein immer gleiches Band aus Teer unter den Reifen haben, und mehr sehen als die überall in Deutschland einheitliche Straßenrandbepflanzung. Nun denn... sei's drum.

Meine erste Etappe war mit einigen Umwegen nicht 60, sondern eher 70km lang gewesen. Es war früher Abend und immer noch brütend heiß. Im Schatten eines Säulengangs am Neustädter Marktplatz schrieb ich eine SMS an eine Freundin: "Neustadt an der Aisch - und ich am Arsch." In einem Gasthaus, dessen Name mir entfallen ist, bekam ich ein preiswertes Bett für die Nacht, einen Teller böhmischen Gulasch mit Knödeln und Salat, und das erste bayrische (für den Kenner wahrscheinlich eher: fränkische) Bier meiner Tour. Der Wirt durfte sich noch ein wenig von meinem "Reisebericht" anhören, bevor ich auf mein Zimmer trottete, schnell im Waschbecken den Straßendreck aus meiner Kleidung und unter der Dusche den Staub und Schweiß von meiner Haut wusch und ins Bett fiel.

Schon nach der ersten Etappe fielen mir zwei Dinge auf:

1. Einfache Pensionen auf dem Land sind verblüffend günstig. Inklusive Abendessen, Bier, Unterkunft und Frühstück hätte ich unterwegs nie mehr als 40 EUR loswerden müssen. Einzig ein Hotelaufenthalt auf einer ungeplanten Etappe und das Backpacker-Hotel in München kosteten mich mehr.

2. Wenn man wie ich eingeht, wenn man den ganzen Tag mit niemandem geredet hat, ist ein bayrischer Biergarten ein Labsal. Nicht nur, dass Bier und Brotzeit den Magen versöhnlich stimmen, auch mit Menschen an einem Tisch zu sitzen, die einem notgedrungen zuhören, ist einfach angenehm. Hätte ich mich - wie zunächst geplant - jede Nacht mit dem Zelt in einem Wäldchen zur Ruhe begeben, ich wäre dem - von Konrad Beikircher so schön beschriebenen Ende zum Opfer gefallen, das er einem Rheinländer andichtet, der zu lange nicht mehr zu Wort gekommen ist: Pupillenerweiterung, Atemstillstand, Tod.

2. Etappe: Neustadt - Hilpoltstein

Nach einem reichlichen Frühstück, mit einigen belegten Broten im Gepäck, einer Einladung nach Sachsen (die Bedienung kam von dort und lud mich für meine nächste Tour zu einer kostenlosen Übernachtung im Hotel ihrer Eltern ein) und einem Blick auf die Karte stieg ich früh morgens wieder aufs Rad.

Was - mag der geneigte Leser sich fragen (oder auch nicht, ich sag's euch trotzdem) zieht man eigentlich an auf so einer Tour? Es war zwar tagsüber sommerlich warm bis heiß, morgens aber hinreichend frisch. Ich bin deswegen nicht mit kurzen Füßlingen gefahren, sondern mit etwas längeren Socken (die Wade will ja auch erst mal auf Betriebstemperatur kommen), über der Radhose noch eine Shorts (auch um anderen Menschen den Anblick einer Radleggins zu ersparen), am Oberkörper Radunterhemd, Trikot, Radweste und Armlinge. Die mitgeführte Windjacke kam hingegen kein einziges mal zum Einsatz.

Bis Fürth war die Landschaft wie zuvor: Landwirtschaftlich geprägt, hügelig, nicht viel anders als daheim. In Fürth traf ich dann auf den Main-Donau-Kanal, der rechts wie links von Radwegen flankiert wird. Radautobahnen könnte man auch dazu sagen. Größenteils schnurgrade, von einigen beeindruckenden Schleusen unterbrochen zieht sich der Kanal als grün-blaues Band vorbei an Kultur- und Industrielandschaften. Eine Zeit lang freute ich mich, als der Kanal von Nadelholz-Monokulturen flankiert wurde, doch deren Eintönigkeit verstärkte nur das Gefühl, auf einer Autobahn unterwegs zu sein. Ich war froh über mein Walkman-Handy und eine mit Hörspielen prall volle Speicherkarte. Die drei ??? wurden meine treuen Begleiter und lenkten mich von der öden Landschaft ab.

Am Kanal entlang begegnete ich auch den ersten anderen Radreisenden, mit denen ich ins Gespräch kam. Ein älterer Herr auf einem wahrscheinlich ebenso alten Peugeot Rennrad, der einen Tagesausflug machte, bleibt mir besonders in Erinnerung. Nachdem ich ihn eine Weile an meinem Hinterrad im Windschatten hatte fahren lassen, ließ er sich nicht lumpen und setzte sich vor mich. Auf sein Tempo war ich nicht vorbereitet. Geschätzte 20kg Fahrrad plus 20kg Gepäck setzten meiner Kraft Grenzen. Nach einigen Kilometern musste ich ihn ziehen lassen, das Blitzen des Sonnenlichts auf seinen - selbstverständlich rasierten - Radfahrerwaden war das letzte was ich von ihm zu sehen bekam.

Irgendwann am späten Nachmittag kam ich am Rothsee vorbei, Gleich nebenan im Kanal findet aljährlich der Start des berühmten Tiathlons statt. Ich machte einen Abstecher dort hin und überlegte kurz, ob ich nicht einmal in die legendären Fluten eintauchen sollte, entschied mich dann aber anders: Der Gedanke, endlich am Ziel meiner Tagesetappe anzukommen war reizvoller.

In Hilpoltstein begab ich mich zunächst auf die Suche nach der Pension, die ich mir vor Antritt der Tour herausgesucht hatte. Sie lag auf dem Hilpolstein gegenüberliegenden Ufer in Altenhofen, auf einer Anhöhe mit Blick über den Kanal und hinüber zum mittelalterlichen Schloß. Auch hier bekam ich ohne Probleme ein Zimmer, entlud meinen Drahtesel und machte mich auf, die Altstadt zu erkunden. Der Abend brach langsam herein, und die tiefstehende Sonne ließ den Burgturm leuchten. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, im Urlaub zu sein.

Zurück in der Pension bestellte ich mir in deren Biergarten einen bayrischen Kartoffelsalat mit Spanferkelbraten, dazu das erste, zum Eis das zweite Bier (übrigens das beste meiner Tour), um abermals vor jeglicher normaler Schlafenszeit ins Bett zu fallen.

3. Etappe: Hilpoltstein - Ingolstadt - Pfaffenhoven an der Ilm

Während ich in Arbeitswochen morgens nicht besonders gut aus dem Bett komme, bin ich im Urlaub ein Morgenmensch. Die Sonne schien durch mein kleines Dachzimmerfenster, kitzelte mich in der Nase und lud mich ein, mich alsbald auf den Weg zu machen. Nach dem Frühstück (muss ich bemerken, dass es reichlich und lecker, die Übernachtung nebst Abendessen mal wieder herausragend preiswert war?) fuhr ich erst mal eine Weile weiter entlang des Kanals. Der Karte von Radweit nach sollte ich bei Meckenhausen den Radweg verlassen und über Land Richtung Altmühltal aufbrechen. Nur, dass am ganzen Kanal kein einziges Radwegschild angebracht war. Einige Male kraxelte ich deswegen die steile Böschung hinauf zu einer Brücke über den Kanal, in der Hoffnung zumindest ein Straßenschild zu finden.

Nach einigen Irrläufern - und unter Benutzung des Navis, dass an dieser Stelle Gold wert war (wie anders soll man aus einen Nirgendwo ein Irgendwo machen, wenn Kompaß und Sextant weder zur Hand noch vertraut sind) war ich schlußendlich wieder auf dem richtigen Weg.

Bei Obermässig, nicht weit vom Kanal, zog sich die vormals weite Agrarlandschaft zum engen Tal der Schwarzach zusammen. Die Luft war feucht-kühl, eine Wohltat nach der drückenden Hitze am Kanal. Bei Kinding querte ich die Altmühl und fuhr einige kurze Kilometer an ihr entlang. Rechts und links ragten steile Hänge auf, eine Burg krönte den einen Gipfel, eine Felszinne ragte andernorts aus dem Wald hervor.

Bei Kipfenberg war für mich das Altmühltal zu Ende. Über die Höhen ging's fast in grader Linie nach Ingolstadt. Vielleicht war's die frische Luft im Tal von Schwarzach und Altmühl, ich war auf jeden Fall früh in Ingolstadt, schon gegen 14:00 Uhr, zu früh um schon eine Pension zu suchen. Nach ein wenig Sightseeing entschloß ich mich deswegen weiter zu fahren. Bis München wären es noch mal fast 90km gewesen, was eine Gesamttagesetappe von fast 150km bedeutet hätte, aber Pfaffenhoven an der Ilm erschien mir mit grade mal weiteren 30km zum Greifen nah.

An dieser Stelle eine Anmerkung: An Hand einer Karte über Land zu fahren ist einfach. An Hand einer Karte im Maßstab 1:100.000 aus einer Stadt wie Ingolstadt herauszufinden und den richtigen Radweg zu einer Kleinstadt wie Pfaffenhoven zu finden ist schier unmöglich. Leute, die man an der Straße fragt wissen entweder nicht den Weg, oder bestenfalls den bis zur nächsten Abbiegung.

Abermals bemühte ich also TomTom. Der lotste mich auch zuverlässig aus der Stadt - zur Auffahrt auf die Bundesstraße, die - man ahnt es bereits - natürlich weder für Radfahrer freigegeben, noch von einem Radweg flankiert war. Sollte irgendein bayrischer Politiker jemals diesen Text lesen, möge er sich folgendes zu Herzen legen: Könnt ihr bitte Eure Radwege anständig ausschildern? Auch Radfernwege? Ja? Wäre suuuuper!

Fragt mich nicht, wie ich nach Pfaffenhoven gekommen bin. "Umwege", "verfahren" und "noch mal zurück und von vorn" beschreiben ungefähr meinen Weg. Dank einer ADFC-Radkarte und der Infomationen aus "Radweit" kam ich schlußendlich bei Einsetzen der Dämmerung auf dem Marktplatz von Pfaffenhoven an.

Das Tourismusinformationszentrum hatte natürlich zu (oder ich hab's nicht gefunden), und ich musste meine Mutter (wie peinlich) bemühen, mir über das Internet ein paar Herbergen herauszusuchen. Die erste davon hatte keine Betten mehr frei, die zweite wirkte wenig einladend, die dritte währe im Nachbarort gewesen, und so kehrt ich müde, hungrig und durstig zum Marktplatz zurück, um mir ein Zimmer im dortigen Hotel zu nehmen -  meine kostspieligste Übernachtung auf der ganzen Tour - für ein Zimmer, das nicht signifikant besser war als das in den vorherigen Pensionen. Dafür gab's einen Automaten auf dem Weg zum Zimmer, in dem man sich eiskaltes Weizenbier in Flaschen ziehen konnte.

Erstmals kam mein Trangia Kocher zum Einsatz. Auf der Kommode meines Zimmers kochte ich mir eine Tüte getrocknete "Chinanudeln" von Maggi auf (machen satt, aber nicht glücklich), trank dazu das Automatenbier und fiel todmüde ins Bett.

Tagesbilanz: Über 12h auf dem Rad, etwa 125km (statt ca. 90km laut Karte), aber ein weiches Bett. In diesem Moment hätte es aber auch ein Strohsack getan.

4. Etappe: Pfaffenhoven - München

Ich freute mich schon beim Aufstehen auf die nunmehr kürzeste Etappe meiner Tour. München - das klang fast nach "richtigem" Bayern, nach Frauenkirche, Oktoberfest, Krachlederne. Erst aber lag die Hallertau auf meinem Weg. Ich könnte vom "bittersüßen Duft des Hopfens" schwärmen, der mich allerorten begleitet hat, aber dank Heuschnupfen roch's hüben wie drüben gleich. Beeindruckend ist der Anblick der ewig großen Felder mit den Hopfengärten dennoch.

Auf einer Höhe fand ich dann meinen ersten Beweis, nunmehr wirklich in Bayern zu sein: Ein Zwiebelturm krönte eine kleine Dorfkirche. Von dort aus war's nicht mehr lang bis zur Isar. Ein wenig verfuhr ich mich noch, wurde aber von einer uralten Frau, die auf ihrem riesigen Trecker zu ihrem Feld unterwegs war, wieder auf den rechten Weg geschickt.

Die Isar hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ein Fluß, der durch eine Stadt wie München fließt, der müßte doch gebändigt, kanalsiert sein. Nichts davon: Die Isar fließt einigermaßen wild und naturbelassen, durch eine beschauliche Auenlandschaft. Der Radweg schlängelte sich durch dichten Wald, war nicht oder nur selten geteert, und so früh wie ich unterwegs war begegnete ich nur höchst selten einem Menschen.

Kurz vor München querte ich die Isar über eine Brücke, schob das Rad bis ans Ufer, setzte mich auf eine Kiesbank und kochte mir einen Kaffee. Dazu gab's Pfannkuchen (als Instant-Pulver, nur mit Wasser anzurühren) mit Sardinen aus der Dose. Die Füße hielt ich kurz in die eiskalte Isar. Es ging mir blendend.

Kurz nach meiner Mahlzeit erreichte ich den englischen Garten. Auch hier lag meine Erwartungshaltung unter dem, was ich erhielt. Kein kleiner Stadtpark, sondern eine Parklandschaft, groß genug um sich darin zu verlaufen - wovon ich wegen der vorgerückten Stunde Abstand nahm. Ich guckte eine Weile den Surfern auf dem Eisbach zu und fuhr dann gemütlich weiter, vorbei am chinesischen Turm, zum Ausgang des Parks, an der Frauenkirche vorbei ins Zentrum.

Die Touristeninformation wies mir den Weg zu einem Backbacker Hostel. Dort nahm man mich freundlich auf und erlaubte mir, mein Fahrrad im Gepäckraum einzulagern. Per Pedes machte ich mich durch München auf, schrieb im Internetcafe eine Mail, genoß beim Italiener eine Pizza und eine Cola (man kann in München vieles trinken, aber das Bier erschien mir nach 3 Tagen mit "Dorfpreisen" sagenhaft teuer) und ging Abends kurz in einen Salsaclub.

Kurz deswegen, weil in der Großstadt München unter der Woche die Bürgersteige hochgeklappt werden. Verblüffend, wie wenige Menschen noch unterwegs waren, allzumal in einem Salsaclub. Gelohnt hat sich's trotzdem, da im selben Club auf einer anderen Tanzfläche Lindy Hop getanzt wurde. Beschwingt trat ich den Heimweg zurück ins Hostel an.

5. Etappe: München - Wasserburg am Inn

Fast ebenso kurz wie die vorherige Etappe vermag ich darüber fast nichts mehr zu berichten. In Erinnerung bleibt mir einzig das BuGa-Gelände auf dem ehemaligen Münchner Flughafen, und dann schon der Blick auf die Schleife des Inn, in die sich Wasserburg schmiegt. Dort war ich das erste mal nicht auf ein Hotel angewiesen, sondern freute mich eine Freundin besuchen zu können, die ich vor Jahren im Urlaub auf Chalkidiki kennengelernt hatte.

Gemeinsam ging's in die schmucke Altstadt, natürlich in den Biergarten, und dann noch per Pedes ein wenig um Wasserburg herum. Spät schlief ich auf dem Sofa ein, und kam entsprechend spät morgens wieder aus dem Bett.

6. Etappe: Wasserburg - Traunstein / Wimpasing

Von Wasserburg aus sind die Alpen nicht mehr fern. Die Landschaft hebt und senkt sich in sanften Hügeln, die Straße zog sich durch malerische kleine Ortschaften, wiederum vorbei an zwiebelgekrönten Kirchtürmen. Von einem der Hügel konnte ich erstmals im Dunst die Alpen erahnen. Ich war fast da!

Endlich traf ich am Chiemsee ein, suchte mir ein zugängliches Stück Ufer, warf den Kocher an und schälte mich aus meinen Klamotten. Das Wasser empfing mich weich und warm, die Erschöpfung der letzten Tage fiel von mir ab, hier hätte ich eine Weile bleiben können.

Langsam wurde ich jedoch ungeduldig. Das Ziel vor Augen legte ich die Karte weg, die mir sicherlich einen malerischeren Radweg zu meinem Ziel, einer kleinen Ortschaft zwischen Traunstein und Ruhpolding gewiesen hätte, aber das Navi versprach den kürzeren Weg. So kam es zum letzten mal zum Einsatz, und dieses mal machte es seine Sache gut. Im späten Nachmittag sah ich das Ortsschild "Wimpasing" gelb vor mir aufleuchten, passierte es und sah schon meinen Spezl Stephan vom Balkon winken. Da war ich nun.

7. Etappe: Eine Extratour auf den Hausberg

Ein Tag Pause, Stephan hatte seine Davina nun tatsächlich geehelicht und ich hatte dies bezeugen dürfen. Die Hochzeit war so malerisch gewesen, wie man es sich nur eben vorstellen mag. Wir wurden mit dem Schiff auf der Fraueninsel abgesetzt, gingen zum dortigen Standesamt und nach der Zeremonie zum Restaurant im Kloster, anschließend zu einem gemeinsamen Bad im Chiemsee.

Abends zuvor noch hatte ich mir geschworen, nie wieder auf den Bock zu steigen. Die Radhose hatte gescheuert, mein Po schmerzte und die Waden ebenso.

Aber als ich morgens nach der Hochzeit in meiner Pension aufwachte - bis zur abendlichen Hochzeitsparty waren noch ein paar Stunden zu überbrücken und die Sonne schien nach einem ausgiebigen Gewitter in mein Zimmer - musste ich doch wieder auf den Bock steigen. Zunächst über Straßen, dann auf holprigen Wegen, und zum Schluß zu Fuß ging's auf den Hochfelln, der einen fantastischen Blick über die Alpen und das Voralpenland bietet.

Oben angekommen setzte ich mich auf eine Bank in der Sonne guckte den Gleitschirmfliegern zu, die vom Hochfelln starteten und guckte mir die anderen Menschen an, die mit mir den Berg heraufgestiegen waren. Unterwegs hatte ich eine lärmende Mädchengruppe überholt, die nun gemeinsam mit ihrer Aufsichtsperson ebenfalls den Gipfel erreichte. Erstaunlicher Weise kam mir die Aufsichtsperson bekannt vor. Tatsächlich: Der Dame war ich mit Tochter und Enkelin vor einem Jahr in einem Hotel in der Türkei über den Weg gelaufen.

Nach einem kurzen Gespräch ging's im Sprint wieder hinab zu meinem Fahrrad, das ich an der Liftstation hatte stehen lassen müssen (selbst mit Federung wäre dem Berg auf dem Rad nicht beizukommen gewesen) und in schneller Fahrt über die Serpentinen bergab nach Ruhpolding.

Fazit und "Lessons Learned"

  1. Travel Light - das werde ich mir beim nächsten Mal zur Maxime machen. Man braucht viel weniger als man denkt, und dann noch mal weniger als man meint unbedingt brauchen zu müssen.
  2. An ein Reiserad gehört für mich - meines unbescheidenen Erachtens nach - ein Rennlenker. Der Multipositionslenker war mir zu breit, eine wirklich bequeme Position hab ich darauf nicht gefunden. Manches mal hätte ich mir zudem einen Tri-Aufsatz gewünscht, um meine schmerzenden Handgelenkt zu entlasten.
  3. Alleine fahren ist doof. Zumindest wenn man ein kommunikativer Mensch ist, wie ich es bin.
  4. Mal eine Woche überwiegend die Klappe zu halten, kann aber trotzdem eine meditative Erfahrung sein.
  5. Autonavis eignen sich nur sehr begrenzt zur Fahrradnavigation.
  6. Bier schmeckt besonders gut, wenn man ein paar ordentliche Kilometer in den Beinen hat.
  7. Bayern ist auch nur ein ganz normales Bundesland, an dessen Ende Gott zufällig die Alpen abgestellt hat.
  8. Bayern sind sehr nette Menschen, wenn man sie denn versteht.
  9. Was erstaunlicher Weise nach dem 2. Bier sehr viel leichter fällt.

Pfüati Gott und bis bald,

Andreas