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Subject: Prolog
Date: 16 May 2004 08:17:48 +0200

Von Bonn nach Syrakus (Siracusa)

Es ist mal wieder so weit. Letztes Jahr am 19.5.04 brach ich hier vom
Radladen Hoenig auf um mit dem Fahrrad nach Lissabon zu fahren.Es hat
geklappt. Nach 18 Tagen, wobei einer ein Ruhetag war, also nach 17
Fahrtagen kam ich in Lissabon an.Über den Flughafen fuhr ich in die
Stadt und kaufte dort ein Ticket für den nächsten Tag.

 

 

 

Ich hätte auch
eins für den selben Tag genommen. Die Tour war eben vorbei.
Eine Schande. Eben da und schon wieder weg! Lissabon ist wirklich eine
wunderbare Stadt.
Ich versuche mir immer wieder dafür eine Theorie aus dem Leib zu
schneiden. "DER WEG IST DAS ZIEL". Da ist auch was dran. Aber der
hektische Abbruch der Reise nach Erreichung des Ziels hatte nichts mit
stetiger, östlicher Weisheit zu tun: Vielmehr wollte ich wieder zu Hause
kommunizieren; ehrlich gesagt, ich hatte Heimweh, Sehnsucht nach
gewohntem.
Ich halte das "Alleine Fahren" für eine wichtige Sache: Mit sich selber
auskommen ist gar nicht so einfach. Gerade Urlaubskonflikte rühren
meiner Meinung nach - da man doch in den Ferien alle Zeit der Welt hat -
von der Unzufriedenheit mit sich selbst her. Wenn einem da also einer
stinkt, wenn es keine Ausflüchte mehr auf Arbeit oder anderes gibt, kann
man sich ja überlegen, ob man es nicht selber ist.
Wenn man gut alleine klar kommt, hat man wohl die Selbstständigkeit, um
mit anderen klar zu kommen. Das ist natürlich blanke Theorie, gerade
dann, wenn man sich die Singlewelt in unserer Republik anschaut.
In diesem Gedankenpingpong schälten sich zwei wichtige Punkte für mich
heraus:
1. Das Ziel: Es muß für mich realtiv weit gesteckt sein (ca 2.400 m),
damit ich eine Stetigkeit entwickeln kann, damit das Radfahren Radfahren
und somit eine der entspannensten Angelegenheiten wird; ich brauch das
Ziel, um die Zeit für Zufälle zu haben, die mir über den Weg kommen.
Diesmal wurde es Syrakus. Ausschlaggebend war Archimedes von Syrakus,
geb. 290-280 v.Chr..Er konnte die Kreiszahl Pi für damalige Verhältnisse
ziemlich gut berechnen. Wie er das machte habe ich bis heute nicht
kapiert. Überhaupt habe ich von Mathe keine Ahnung und hoffe mit dieser
Wallfahrt etwas zu erreichen und das nicht wirklich.
Später kamen andere wichtige Gründe für das Ziel:

z.B. "Die Bürgschaft" von Schiller, spielt in Syrakus. Aber ich bekomme
den Plot von der Story nicht auf die Reihe, habe eben im Internet noch
mal drüber geschaut, geht um Treue, Freundschaft auf den Tod und diese
Sachen.
oder Seume "Spaziergang nach Syrakus" wurde mir genannt, als ich von
meiner Absicht erzählte dorthin zu fahren. Das ganze ist ein Buch. Wird
als Ergänzung zu Goethes Italienreise genannt; er habe sein Augenmerk
viel mehr auf Land und Leute gerichtet. Mag sein. Aber hier verstehen
Land und Leute seine ellenlangen französischen, Italien war um die
Jahrhundertwende vom 18. auf 19. Jahrhundert französisch besetzt, und
lateinischen Zitate nicht.
oder Joachims Fest's "Im Gegenlicht", im Untertitel "Eine italienische
Reise", was getürkt ist, weil er mehrere Male in vielen Jahren den Süden
bereiste und das zusammenfasste. Fests Bericht beginnt fast in Syrakus
und strotzt vor Bildung, aber auch Gespräche sind dort wiedergegeben und
haben einen wundervollen ductus. Wenn man sich drauf einläßt, sitzt man
mit am Tisch.

Aber schon in meinem Neid, der sich hier auf wirkliche Schriftsteller
bemerkbar macht, wird doch klar, dass für mich das Ziel, intellektuell
nur an den Haaren herbeigezogen ist. Daher ist der zweite Punkt so
wichtig:

2. Das Kommunizieren. Das hier. Die Angeberei.

Dass ich meine Tagesberichte hier lancieren kann, weiß, dass einige
Leute vorm "Radladen Hoenig" stehen und ein wenig mit mir mitfahren, ist
eine schöne Vorstellung für mich. Die Tour nach Lissabon stellte mit den
Fotos und meinem Geschriebenen ein Grafikerfreund für mich zusammen.
Das geschriebene gefiel mir nicht so richtig. "Zu persönlich" war mal
ein Einwand gewesen, "sehr persönlich" könnte ja auch ein Lob sein.
Ich fand allein den Schreibstil ziemlich redundant (sich wiederholend)
und gelobe Besserung, hoffe überhaupt den geneigten
Schaufenstersteherleser, nicht zu enttäuschen.
Dieses Berichten von einer Radtour ist eine Art Biathlon: Runter vom
Rad, rein ins Internetcafe (überhaupt mal eins finden), Puls runter und
schreiben, das auch noch auf einer fremdländischen Tastatur.Das ist
natürlich übertrieben. Meistens fand ich in einer schönen Stadt einen
Internetanschluss und schrieb nach dem Frühstück etwas. Andererseits
fand ich in Lissabon nichts dergleichen.
Ich hoffe, dass ich das persönliche raus lassen werde, Information
bringe oder schöne Bilder beschreibe. Trotzdem noch einmal meinen ganz
persönlichen Dank, nicht ganz allein fast bis nach Afrika zu fahren.

Wendelmeyer

Tourverlauf:
Bonn, Koblenz, Bingen, Bad Kreuznach, Deidesheim, Karlsruhe,
Freudenstadt, Überlingen, Bodensee, Chur, Bernina Pass, Iseo See,
Mantua, Florenz, Perugia, L'Aquilla, Benevent, Cosenza, Reggio Calabria,
Messina, Syracus

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